Nordwest Sonntagsblatt

Seite 28 19. Dezember 2021 Osnabrück. (NWS) Es liegt in der Natur des Men- schen, zu zweifeln und un- sicher zu sein. Wohl jeder hat sich in Entscheidungs- situationen schon einmal unwohl oder sogar ängst- lich gefühlt und hat sich an bestimmten Wendepunk- ten im Leben oder auch zu Beginn eines neuen Jahres gefragt, ob man nicht neue Wege gehen sollte. „Unsicherheit ist keine Schwäche. Zweifel und auch Angst sind normale menschliche Gefühle und können uns sogar weiter- bringen – wenn wir sie ana- lysieren und positiv für neue Ziele einsetzen“, sagt Mike Warmeling, Speaker und Erfolgstrainer aus Os- nabrück sowie Gründer von Warmeling Consulting, und ergänzt: „Es gehört al- lerdings Mut dazu, sich Ängste und Unsicherheiten einzugestehen und an ih- nen zu arbeiten. Als Unter- nehmer oder Firmengrün- der zieht die eigene Unsi- cherheit außerdem mit- unter Unklarheit in der Führung und übereilte Entscheidungen nach sich, die sich dann auch negativ auf den Betrieb auswirken können.“ Unsicherheiten durch globale und schnelllebige Entwicklungen Unternehmer werden heutzutage mehr denn je mit Situationen auf den internationalen Märkten und geopolitischen Ereig- nissen wie Brexit oder Co- rona-Pandemie konfron- tiert. Diese und die rasch fortschreitende digitale Transformation erschwe- ren die Einschätzung der Markt- und Zukunftsent- wicklung der eigenen Fir- ma. Führungskräfte müs- sen deshalb auch immer besser mit Ambiguität, al- so der wahrgenommenen Mehrdeutigkeit einer Si- tuation, umgehen können. „Ob aus dieser Ambiguität heraus oder aufgrund der eigenen Persönlichkeit: Manche Verantwortlichen neigen vor allem in stressi- gen und unruhigen Zeiten zu Angst oder Unsicher- heit und sehnen sich gleichzeitig nach einem Gefühl der Geschlossen- heit. Dieses Bedürfnis äu- ßert sich dann oft darin, dass Menschen es nicht aushalten, ohne Lösung für ein Problem dazuste- hen, beziehungsweise un- ruhig werden, wenn ein bestimmtes Ereignis nicht schnell genug eintritt“, sagt Warmeling. Viele Unternehmer und Füh- rungskräfte fühlen sich dann unwohl, wenn bei- spielsweise Projekt- oder Investitionsentscheidun- gen sich nicht zeitnah klä- ren lassen. Abwarten kann in manchen Situationen und angesichts der zur Verfügung stehenden In- formationen jedoch ange- messen sein und vor über- eilten Entscheidungen schützen. Probleme mit Entscheidungen Wird eine Entscheidung benötigt, neigen unsichere Führungskräfte häufig da- zu, übereilt einen Weg ein- zuschlagen – ohne ver- schiedene Aspekte und Konsequenzen zu durch- denken. Oft hören sie sich auch keine anderen Meinungen und Lösungsvorschläge an, denn Widersprüchlich- keit und mehrere Möglich- keiten würden ihre Unsi- cherheit nur verstärken. Manchmal treffen sie auch überhaupt keine Entschei- dung, wodurch sich die nachgelagerten Prozesse und Aufgaben nur verzö- gern. „Dies ist auch prob- lematisch, da unsichere Chefs oft nicht nur kein Vertrauen in sich selbst haben, sondern häufig auch anderen wenig ver- trauen. Sie versuchen des- halb, alles unter Kontrolle zu haben und möglichst viele Entscheidungen selbst zu treffen. Ein Teufelskreis, bei dem nicht nur zu viel Ver- antwortung auf einer ein- zelnen Person lastet, son- dern Mitarbeiter die Füh- rungskraft auch wegen Kleinigkeiten aufsuchen“, weiß der Coach. Äußern Mitarbeiter oder Kollegen doch eigene Vorschläge und Meinungen, zweifeln unsichere Unternehmer und Gründer diese in der Regel an und nehmen die Personen teilweise auch als illoyal wahr. Die Kritik an der Sache wird als Kri- tik an der eigenen Person empfunden. Der Wunsch nach Kontrolle und das fehlende Vertrauen prägen dann die Unternehmens- kultur und führen zu Miss- stimmungen im Betrieb – und mitunter werden die eigenen Mitarbeiter eben- falls unsicher. Tipps gegen Zweifel und Unsicherheit Damit Angst und Unsi- cherheit nicht den Unter- nehmensalltag bestimmen, gibt es einige Punkte, die Unternehmer und Grün- der beachten können: Ziele vorgeben, aber sie gemeinsam erreichen Aufgabe von Führungs- kräften ist es, Ziele vorzu- geben und den Lösungs- weg zu moderieren – und nicht, immer eine Lösung parat zu haben. Es geht darum, Abstimmungen und Zwischenziele zu steuern, statt sich mit der ganzen Planung und je- dem einzelnen Schritt zu befassen. Man muss nicht alles wissen Niemand kann alles wissen. Es geht eher da- rum, sich neue Kompeten- zen anzueignen und Dinge auszuprobieren. Kompetenzen der Mitarbeiter nutzen Mitarbeiter haben meist ein bestimmtes Fachgebiet und kennen sich auf die- sem Feld gut aus. Dieses Know-how gilt es zu nut- zen. Feedback geben – und annehmen Nur mit Feedback wis- sen Mitarbeiter, ob sie auf dem richtigen Weg sind. Gleichzeitig sollten Ver- antwortliche auch Rück- meldungen annehmen, die sie erhalten. Das hilft nicht nur bei der Team- arbeit, sondern unterstützt auch dabei, sich seiner selbst sicherer zu werden. Nachsicht üben Unsichere Unternehmer und Verantwortliche sind oft sehr streng mit sich. Doch Fehler sind mensch- lich. Diese zuzugeben und zu verstehen entlastet nicht nur, sondern bringt einen auch voran. Antrieb zur Verbesserung Gestehen sich Unter- nehmer und Führungs- kräfte Unsicherheiten oder gar Ängste ein und analysieren sie auch noch, können diese einen An- trieb darstellen. Nur wer zweifelt und lernt, mit Schwächen umzugehen, kann letztendlich auch seine Persönlichkeit wei- terentwickeln. Dieser Prozess verbes- sert dann meist auch die Unternehmenskultur, die Produkte oder die Dienst- leistungen. „In schwieri- gen Situationen gilt es deshalb, sich immer wie- der Zeit zu nehmen und die eigenen Unsicherhei- ten und Situationen zu hinterfragen. Wer dazu nicht mehr imstande ist und die eigene Lage als aussichtslos wahrnimmt, kann sich auch Unterstüt- zung suchen. Weiterfüh- rende Impulse müssen in diesen Fällen dann von außen kommen“, so War- meling abschließend. Wie man als Unternehmer mit Unsicherheit umgehen sollte / Die Tipps eines Erfolgstrainers Nur wer zweifelt und lernt, kann seine Persönlichkeit entwickeln

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